30 Nov 2018

Im Gespräch: Surface-Chefdesigner Ralf Groene über Farben, modulare Hardware und mehr

Der amerikanische Traum: Von der Werkbank in die Chefetage von Microsoft. Das klingt fast schon klischeehaft, aber Ralf Groene hat genau das geschafft. Der gelernte Werkzeugmacher aus Wolfsburg ist heute Chefdesigner in Redmond. Kein Stück Hardware von Microsoft kommt auf den Markt, ohne dass es vorher durch seine Finger gegangen ist. 

Groene ist seit 2006 bei Microsoft, und er gehörte zu jenen elf Leuten, die Panos Panay um sich scharte, als 2010 die Arbeiten am allerersten Surface begannen. Inzwischen arbeiten 3.000 Menschen in der Surface Division – man hat sich sozusagen unter dem Dach des Großkonzerns von einem kleinen Startup zu einem Unternehmen im Unternehmen gemausert.

Gemeinsam mit Martin Geuß von Dr.Windows hatte ich kürzlich die Gelegenheit, Ralf Groene in Berlin zu treffen und mit ihm zu plaudern.

Wenn jemand wie Groene für Interviews nach Deutschland kommt, dann ist er selbstverständlich durchgetaktet. Wir haben 40 Minuten, und schon nach kurzer Zeit wird klar: Die Zeit wird um sein, noch bevor wir alle Fragen stellen können, die wir uns vorher notiert haben. Ralf Groene spricht gerne über seine Arbeit, vor allen Dingen spricht er gerne über Details. Wir stellen ihm keine Standard-Fragen zu Vergleichen mit Apple oder dergleichen, wir interessieren uns wirklich nur für die Geräte. Und das gefällt ihm sehr.

Ob es denn das Surface Go oder Surface Book in Zukunft auch in unterschiedlichen Farben geben wird, wollen wir wissen. „Das ist definitiv eine Option, aber wir tasten uns ran. Wir wollten den Markt nicht mit allerlei Farbvarianten vollstellen. Wir testen und beobachten, dann sehen wir weiter. Das Surface Pro in Schwarz ist ein erster Schritt und wir sind gespannt, wie es angenommen wird.“

Groene erklärt, dass die Unterschiede beim Material die größte Herausforderung sind. Das Gehäuse des Surface Laptop besteht aus Aluminium und wird eloxiert, d.h. das Material ist mit den Farbpartikeln durchgefärbt. Das Magnesium-Gehäuse der anderen Surface-Geräte aber muss lackiert werden. Das stellt wesentlich höhere Anforderungen an den Produktionsprozess. Er erklärt uns, wie lange die Ingenieure an den äußeren Kanten des Surface Pro 6 tüftelten, bis sie endlich perfekt für die Lackierung geeignet waren.

 

Mehr zufällig kommen wir anschließend auf den Surface Pen zu sprechen. Warum wird der eigentlich nicht mehr beigelegt, wenn man ein Surface kauft? Für diese Frage haben wir uns allerdings den Falschen ausgesucht, denn Groene ist da voll bei uns: „Ich als Designer würde ja am liebsten alles mit ins Paket legen. Den Stift, die Maus – eben so, dass schön alles aus einem Guss ist. Aber man sollte die Leute andererseits auch nicht zwingen, für Zubehör zu bezahlen, welches sie nachher gar nicht nutzen.“ Mit der Einführung der unterschiedlichen Farbvarianten wählt der Käufer die gewünscht Farbe, da wäre es alleine von der Verpackungen her nahezu unmöglich alle Varianten vorzuhalten. Also lässt man das Zubehör weg und den Kunden wählen. Praktischer Nebeneffekt: Das Paket mit dem Gerät alleine ist günstiger.

Eine klitzekleine Apple-Vergleichsfrage haben wir dann doch: Hat Microsoft auch schon mal darüber nachgedacht, den Stift am Gerät zu laden, wie das beim neuen iPad möglich ist? Groene antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie oft musstest du an deinem Surface schon die Stift-Batterie wechseln?“ Ich antworte ganz dekadent „Noch nie, ich kaufe mir vorher immer ein neues Gerät.“ Aber die Botschaft ist klar: Die Batterie im Surface Pen hält so derart lange, dass es den Aufwand für die Entwicklung einer Ladeelektronik im Gerät nicht rechtfertigt.

Ganz kurz wollen wir wissen, ob denn die Aussage vom letzten Interview noch Bestand hat. Im letzten Jahr hatte Groene gesagt, man werde noch sehr lange am Surface Connector festhalten. Aber das ist ja nun schon wieder ein Jahr her. Gibt es dazu Neuigkeiten? Nicht so wirklich, denn Groene sagt lediglich: „Wir gehen bekanntlich sehr vorsichtig damit um, unsere Schnittstellen zu verändern“. Mehr ist ihm dazu nicht zu entlocken.

Also widmen wir uns wieder spannenderen Fragen: Der im kommenden Jahr erscheinende Surface Hub 2 ist das erste modulare Gerät aus der Surface-Reihe, das CPU-Modul ist austauschbar sein wird. Ist eine solche Modularität auch für kleinere Geräte der Surface-Familie denkbar? Es geht ja nicht nur um Vielseitigkeit, sondern auch um Wartungsfreundlichkeit. Wir hatten nicht wirklich mit einer Antwort auf diese Frage gerechnet, denn sie dreht sich ja eindeutig um kommende Produkte. Umso überraschender ist es, dass Groene ohne zu zögern sagt: „Das ist 100%ig ein Thema für uns.“ Sicher denkt Groene hier auch an die Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Schließlich sollte Microsoft an der Stelle auch Zeichen setzen. Als wir über modulare Geräte philosophieren und darüber, dass sich immer mehr Aufgaben auf immer mehr Geräte verteilen, stellt Groene fest: „Der PC löst sich vor unseren Augen auf“.

Dann ist die Zeit auch leider schon abgelaufen. Oder besser gesagt, wir haben kräftig überzogen, denn wir haben uns stellenweise regelrecht „verquasselt“ und es sind bereits über 50 Minuten vergangen. Eine Frage muss aber noch sein: „Wir haben darüber gesprochen, dass sich der Begriff „Computing“ jetzt auf mehr und mehr Geräte verteilt. Du hast vorhin gesagt, der PC löst sich vor unseren Augen auf, dem stimme ich zu. Wie eingeschränkt ist man denn als Chef-Hardwaredesigner bei Microsoft, wenn man am Ende des Tages eben doch nur PCs in verschiedenen Ausprägungen entwerfen kann? Ist das nicht zu wenig, und ist Windows da überhaupt noch die richtige Plattform?“

„Das ist ein sehr spannender und interessanter Ansatz“, sagt Groene. Und dann geht die Tür auf und er wird raus gerufen, der nächste Termin wartet.

Tags zuvor war Ralf Groene bei HR-Info im Radiointerview. Wer noch etwas mehr über ihn und seine Arbeit erfahren will, das Interview kann unter  https://www.hr-inforadio.de/programm/das-interview/das-interview-mit-ralf-groene-chef-designer-bei-microsoft,ralf-groene-100.html  gehört werden.

 

Da Martin und ich gemeinsam den Termin wahrnehmen konnten, durfte, wollten, lest ihr diesen Artikel so auch auf Dr.Windows.

 

 

Über den Autor: Ralf Eiberger

Ralf Eiberger
Schon 2012 als das erste Surface noch nicht angekündigt war und man spekulierte, dass Microsoft ein Tablet bauen würde, hatte ich es bereits in der Hand. Seither lässt mich das Thema Surface nicht mehr los. Seit 2013 bin ich MVP für Surface, inzwischen in der Kategorie Windows and Devices.